BESUCH IM BREGENZER WALD AUF DER ALPE LACHE

Anton hat ein Gesicht wie aus einem französischen Film mit strahlendblauen Augen und tiefen Furchen auf der Stirn, die jedes Mal, wenn er lacht oder staunt auseinandergehen und die sonst braungebrannte Haut weiß durchziehen. Er amüsiert sich köstlich darüber, dass ich immer nachfragen muss, weil ich den starken Dialekt nur mit großer Mühe verstehe.

Doch sein Lachen ist ansteckend und die Hände sind wie eine zweite Sprache. Alles was ihm wichtig ist, wird gestikulierend unterstrichen. Zum Beispiel, wenn er von seinen Kühen erzählt. Die älteste Kuh Liesel hatte 16 Kälber, darunter zweimal Zwillinge. Liesel lebt inzwischen nicht mehr, aber eine ihrer Töchter ist noch in der Herde. Weil sie ziemlich mollig ist, wurde sie „Dicktoni“ getauft.

Unter den Kühen sind neben den für die Gegend typischen Braunen auch einige Jersey-Kühe. Warum denn Jerseykühe frage ich ihn? Das hat mehrere Gründe: zum einen geben sie eine schöne fette Milch, fast schon gelb. Zum anderen kommen sie aufgrund ihres geringeren Gewichts und Größe bei Regen auf einer nassen Weide besser zurecht.

Toni hält es wie seine Kühe und läuft die meiste Zeit ohne Schuhe. Der Kontakt zur Erde ist ihm wichtig.  „Ich laufe immer barfuss. Wenn ich es aussuchen könnte, ob leichter oder starker Regen, dann habe ich lieber starken Regen. Kurze Hose, barfuß und raus. Den Matsch zwischen den Füssen zu spüren ist ein wunderbares Gefühl.“

Noch bis vor ein paar Jahren hat er die Kühe per Hand gemolken. Dann bekam er eine Entzündung. Das Melken hat nun Rosi übernommen, aber ihm fehlt etwas. Es war irgendwie meditativ. Im Käsekeller, der genau unter dem Hauptraum der Hütte liegt, reifen derzeit etwa hundert Käse. Jeden Tag ein Käse.

In der Salzlake liegt der Käse von heute – mit der Nummer 1 oder besser mit der   101. Es wird wieder von vorne gezählt. Die Käse sind alle unterschiedlich groß. Zu Beginn der Alpsaison geben die Kühe viel Milch und ein Käselaib kann dann schon mal bis zu 20 Kilogramm wiegen. Jetzt gegen Ende hin wiegen sie nur noch 12 Kilo. Toni fragt mich, wann ich geboren wurde und reserviert mir den Käse Nummer 78 für das nächste Jahr.

Währenddessen sind Freunde aus dem Tal zu Besuch gekommen. Es gibt Kaffee und Kuchen und natürlich Käse. Ich frage, wie man hier eigentlich Verabredungen trifft, so ganz ohne Telefon. Na gar nicht - so die Antwort. Man kommt einfach vorbei und wenn niemand da ist, dann schreibt man eben einen Zettel. Aber eigentlich ist immer jemand da und dann nimmt man sich eben die Zeit.

Wie immer rieche ich zuerst am Käse, bevor ich ihn esse. Nicht weil ich denke, er könnte nicht gut sein, sondern einfach aus Angewohnheit vom vielen Verkosten im Laden. Anton lacht und sagt „Ich rieche auch zuerst an allem. Die meisten finden das komisch. Aber ich denke, wenn der liebe Gott das nicht gewollt hätte, dann hätte er uns die Nase doch nicht ins Gesicht gesetzt, sondern nach hinten.“

Inzwischen ist es Zeit, die Kühe in den Stall zum Melken zu treiben. Wir verabschieden uns. Ich würde beide sehr gern nach Berlin einladen, aber Rosi meint, dass sie die Kühe nicht allein lassen können. Und wenn sie doch einmal kommen, dann machen sie das genauso wir hier. „Wir kommen einfach vorbei.“ Das find ich gut und nehme mir fest vor, einen Teil dieser Entspanntheit mit nach Berlin zu nehmen.

BESUCHT von MANU & MARKUS
TEXT MANU
BILDER MARKUS MÜLLER