BEI FLESSABRÄU - BERLINER KIEZBRAUERREI

Wenn die meisten Berliner noch schlafen oder gerade aus den Bars und Clubs nachhause fahren, dann triffst du Christoph um 5.30 Uhr in seiner Brauerei über einen heißen Kessel dampfenden Wassers gebeugt. Es riecht süßlich und warm in seiner Brauerei. In einem Hinterhof an der Petersburgerstrasse, unweit der U-Bahnstation Frankfurter Tor, hat er sich vor etwa vier Jahren seinen Traum erfüllt und seinen ersten Sud angesetzt.

„Das, was man heute als Bier verkauft bekommt, hat nichts mehr mit dem zu tun, wie es noch früher gelebt wurde. Bier ist nicht nur Hopfen und Malz. Bier ist auch ein Stück Kultur. Früher hatte jeder Kiez seine eigene Brauerei. Leider ging das mit der Zeit verloren. Zumindest mein Kiez hat nun wieder eine.“

Wöchentlich braut er in seinem Kessel drei Einheiten Bier. Das sind knapp 4700 Liter im Monat. Der Prozess ist immer gleich. Das Wasser im Kessel (echtes Berliner Leitungswasser) wird erhitzt und mit einer individuellen Komposition aus verschiedenen Malz-Sorten vermengt. Jedes Bier hat seine eigene Zusammenstellung von drei oder mehr Malzarten. Die Maische köchelt dann knapp zwei Stunden, wird geläutert und anschließend mit Hopfen vermengt. Die erhaltene „Würze“ fließt in große Lagertanks, wird mit Hefe versetzt und lagert für 6-8 Wochen. Jetzt passiert die Magie. Die Hefe zersetzt die Stärkemoleküle in der Würze und lässt Kohlensäure und Alkohol entstehen. Für einen sauberen Prozess braucht es Zeit.

„In der klassischen Industrie haut man das Bier auch schon mal nach drei Wochen auf den Markt. Bei so einer kurzen Gärung wird nachgeholfen und es entstehen sogenannte Fuselstoffe, die man häufig an den Kopfschmerzen am nächsten Morgen spürt.“

Hopfen und Malz bezieht er aus Bayern, da es in Berlin und Brandenburg leider keine Mälzereien mehr gibt und Hopfen kaum wächst. „Gut, dass ich da einen zuverlässigen Bio-Bauern kenne.“

Ist das Bier reif, dann füllen es Christoph und seine zwei Angestellten per Hand in die Flaschen ab. Jede Flasche Bier geht durch die Hände von Christoph. Jedes Etikett wird händisch aufgeklebt, jeder Kronenkorken von Hand befestigt. Würden wir einer großen Brauerei ans Herz legen, das auch zu tun, würde man uns sicherlich auslachen. Christoph macht das gerne. Er nimmt sich Zeit für sein Bier.

Aus Hopfen, Malz, Hefe und der Braukunst Christophs entstehen am Ende elegante Biere, die ein „ich will noch Eins Gefühl“ vermitteln. Die Ausgewogenheit zwischen Malz und Hopfen machen die Biere sehr angenehm, süffig und bodenständig. Gerade das Mandarina, Pils, Weizen und IPA (also eigentlich fast alle) haben es uns angetan.

„Ein Brauer sollte Liebe für sein Bier haben und ständig probieren, was möglich ist.“

Wir lernen Christoph als einen ehrlichen und bodenständigen Berliner Mann kennen. Ein Mann der viel gereist ist, in der Jugend Häuser besetzte, heute Familie hat und noch immer nach dem Einfachen und Substanziellen sucht. Ein Mann, der nicht viel braucht. Er möchte von seinem Bier leben können und für seine Familie sorgen. Daher wird Christoph der Braumeister auch morgen wieder zeitig um 5:30Uhr in seiner Brauerei stehen und die Maische ansetzen. Wenn es 16 Uhr schlägt, und die Kinder aus der Schule kommen, dann kann er Feierabend machen und Vater sein. 

BESUCHT von FLOOR & SASCHA
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